Wer nach seinen evangelischen Wurzeln in Schlesien forscht, stößt auf unerwartete Schwierigkeiten. Hier stelle ich wichtige Informationen bereit, die helfen sollen, den richtigen Einstieg zu finden.

Geschichtlicher Hintergrund

Die Reformation Luthers, deren Anfänge bis zum 31. Oktober 1517 zurück reichen, breitete sich auch in Schlesien schnell aus. Mindestens bereits im Jahre 1526 predigten in Schlesien Lutheraner das Evangelium.

Aber erst der Augsburger Religionsfrieden von 1555 sicherte den Anhängern der lutherischen Kirche (Augsburger Bekenntnissses) Frieden und ihre Besitzstände zu. Die Reichsfürsten durften ihre Religion frei wählen, während ihre Untertanen nach dem festgeschriebenen Motto cuius regio, eius religio (in wessen Gebiet ich lebe, dessen Religion muss ich annehmen; d.h. jeder Untertan hatte dem Bekenntnis seines Landesherrn zu folgen) die Religion ihres Herrn annehmen mussten, ihnen aber auch das Recht auf Auswanderung eingeräumt wurde. Viele Orte wurden evangelisch und die Kirchen gingen an die evangelischen Gemeinden über.

Dreißigjähriger Krieg

Am 23. Mai 1618 warfen protestantische Adelige zwei kaiserliche Statthalter und den Schreiber aus dem Prager Hradschin in den Burggraben. Ausgangspunkt dieser als Prager Fenstersturz in die Geschichtsbücher eingegangenen Tat war die Weigerung, einen evangelischen Kirchenbau auf katholischem Gebiet zu genehmigen. Es begann der Dreißigjährige Krieg. Plündernd und zerstörend zogen verschiedene Heere auch durch das schlesische Land.

Mit dem Friedensschluss von Münster und Osnabrück endete der Dreißigjährige Krieg (1618-1648).
In dem Friedensvertrag wurde die im Augsburger Religionsfrieden von 1555 festgeschriebene Formel cuius regio, eius religio entschärft. Für den Konfessionsstand im Reich wurde der 1. Januar 1624 als Normaljahr verbindlich festgelegt und die Reformierten in den Religionsfrieden ausdrücklich eingeschlossen. Ausnahmen von dieser Normaljahrsregelung bildeten nur die Oberpfalz und die kaiserlichen Erblande. In diesen war nur der katholische Glauben gültig. Dem habsburgischen Kaiser Ferdinand III (*13.07.1608 02.04.1657) unterstanden als König von Böhmen (seit 1627) die schlesischen Erbfürstentümer Schweidnitz, Jauer und Glogau direkt. Lediglich den Herzögen von Liegnitz, Brieg, Oels und Münsterberg sowie der Stadt Breslau wurde die freie Ausübung des Augsburgischen Bekenntnisses gewährt, und vor den Mauern der Städte von Schweidnitz, Jauer und Glogau durften drei Friedenskirchen für die mehrheitlich evangelische Bevölkerung errichtet werden. Alle bisher von den evangelischen Einwohnern genutzten Kirchen wurden durch einen kaiserlichen Befehl den Katholiken zurück gegeben und die evangelischen Geistlichen vertrieben.

Die evangelischen Einwohner dieser Gebiete hielten sich an die drei Friedenskirchen und die sogenannten Grenz- oder Zufluchtskirchen. So nannte man diejenigen evangelischen Kirchen, welche gleich hinter der Grenze auf evangelischem Gebiet errichtet waren, damit die evangelischen Einwohner der rekatholisierten Gebiete sie gut erreichen konnten. Für das Fürstentum Schweidnitz-Jauer bildete Probsthain im Kreise Goldberg einen lutherischen Mittelpunkt, der die Evangelischen von weither anzog. Sie kamen nicht nur aus der näheren Umgebung, dem Goldbergischen und Haynauischen, sondern ebenso aus den Kreisen Löwenberg, Bunzlau, Schönau, Hirschberg, Landeshut, selbst über die böhmische Grenze herüber. Der Besuch war so groß, daß für diese "aus der Fremde" kommenden Gläubigen besondere Kirchenbücher angelegt werden mussten.

Altranstädter Konvention

Mit der Altranstädter Konvention vom 1. September 1707, beschlossen zwischen Karl VII. von Schweden und Josef I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und u.a. auch König von Böhmen, erhielten die evangelischen Einwohner Schlesiens 120 Kirchen in den Fürstentümern Liegnitz, Brieg, Wohlau, Münsterberg, Oels und am Stadtrand von Breslau zurück. Ihnen wurde die Erlaubnis erteilt, in den Orten Freystadt, Sagan, Hirschberg, Landeshut, Militsch und Teschen je eine Gnadenkirche mit Glockenturm zu bauen.

Und ganz wichtig: Im Zuge der Rekatholisierung wurden die evangelischen Einwohner verpflichtet, ihre an den evangelischen Friedens- bzw. Gnadenkirchen durchgeführten kirchlichen Handlungen auch dem katholischen Pfarrer der für den Wohnort zuständigen Kirche anzuzeigen. Dieser trug diese in die katholischen Kirchenbücher ein und bekam dafür Gebühren (Stolgebühren, Einzelheiten). Aus diesem Grunde sind auch Eintragungen, die evangelische Einwohner betreffen, in katholischen Kirchenbüchern zu finden. Diese Pflicht wurde erst Ende 1757 in Schlesien durch Friedrich den Großen aufgehoben. Somit findet man mindestens bis Ende 1757 viele Einträge in katholischen Kirchenbüchern, die evangelische bzw. "acatholische" Amtshandlungen betreffen.
Erst mit dem Übergang Schlesiens an Preußen, 1740 beginnend, erhielten die Einwohner die Möglichkeit sich evangelische Bethäuser ohne Glockenturm zu errichten, allerdings ohne den bestehenden Pfarrzwang (Einzelheiten) aufzuheben. Diese Bethäuser durften sich ab 1764 Kirche nennen.

Somit muss ein Genealoge immer vor dem jeweiligen Zeitpunkt der Errichtung der (späteren) evangelischen Kirche eines Ortes eine der Friedenskirchen in Betracht ziehen, auch die Kirchenbücher der jeweiligen katholischen Kirche einbeziehen und eventuell auch die Kirchenbücher der Grenz- bzw. Zufluchtskirchen studieren.

Die Kirchenbücher Schlesiens beider Confessionen 1902

Im Jahr 1902 erschien diese wichtige, heute online verfügbare Bestandsaufname aller noch vorhandenen Kirchenbücher für die Pfarrorte Schlesiens in alphabetischer Reihenfolge der Orte. Sie enthält sowohl die katholischen als auch die evangelichen erhaltenen Matriken und wurde von den damals besten Kennern verfasst. Schon damals waren leider bereits viele der älteren Matriken verloren.

Welche Kirchenbücher gab es 1938 überhaupt noch?

Bis 1938 waren weitere Kirchenbücher verschollen. Erich RANDT hat in diesem Jahr das letzte und sehr ausführliche Verzeichnis darüber als Buch veröffentlicht: "Die älteren Personenstandsregister Schlesiens." Nach dem Studium des RANDT weiß man, welche maximalen Forschungsmöglichkeiten 1938 bestanden. Mehr können wir heute nicht erwarten.

Das Ende der evangelischen Kirchenbücher

Von Pastor Dietmar Neß, Groß Särchen

Die evangelischen Kirchenbücher Schlesiens mussten seit 1934 im Evangelischen Centralarchiv Breslau abgegeben werden. Dieser Vorgang war jedoch bis 1945 bei weitem nicht abgeschlossen.
Die abgegebenen Kirchenbücher (ob alle?) wurden in das Predigerseminar in Naumburg am Queis ausgelagert. Dieser gesamte Bestand, auch die Seminar-Bücherei, ist 1945 gefleddert worden. Auch die Bestände des Centralarchivs in der Parkstraße sind 1945 buchstäblich auf die Straße geworfen worden.

Hinweis: Die evangelischen Kirchenbücher (Matrikelbücher) von 913 evg. Pfarreien des ehemaligen "Centralarchivs" sind tatsächlich NICHT vollständig vernichtet worden. Kirchenbücher von 119 dieser Pfarreien befinden sich heute im Breslauer Staatsarchiv unter dem Titel "Skladnica Ewangelickich Ksiag Metrykalnych we Wroclawiu" (Evangelische Kirchenbuchstelle zu Breslau 1596-1945). Diese Matrikelbücher sind auch in der Datenbank der polnischen Staatsarchive PRADZIAD enthalten, auch in meiner Datensammlung Kirchen- und Zivilstands-Bücher heute finden.

Die Breslauer evangelischen Kirchenbücher

Die evangelischen Kirchenbücher der Stadt Breslau, soweit sie irgendwo und irgendwie "überlebt" haben, sind in den Bestand im Staatsarchiv Breslau eingegangen. Eine Bestandsübersicht nur zu den Breslauer KB gibt Radoslaw Zan. Bei der jetzigen polnisch-evangelischen Gemeinde in der Hofkirche - die jetzigen Gemeinderäume sind die Räume des ehemaligen Konsistoriums - befinden sich keine alten Kirchenbücher.
Quelle: Wolfgang Pfeiffer
Einige Breslauer evangelischen Kirchenbücher wurden aber 2009 in der Schweidnitzer Friedenskirche gefunden, siehe weiter unten.

Heutige Standorte schlesischer evangelischer Kirchenbücher

Im Normalfall reicht für die Familienforschung ein Kirchenbuch gefilmt durch the Genealogical Society of Utah aus (Mormonen).

Eine Übersicht über die bis 1945 vorhandenen evangelischen Kirchenkreise Schlesiens finden Sie hier.

Bis 2007 stellte Klaus Liwowsky seine umfassende, ausgezeichnete Arbeit im Internet öffentlich zur Verfügung: "Datenbank der evangelischen Kirchenbücher Schlesiens" - heute. Leider fiel sie einer Server-Erneuerung des Providers zum Opfer. Nun sollen diese Informationen als Buch veröffentlicht werden, allerdings bedarf es dazu einer umfangreichen Umarbeitung, was länger dauern wird.

Bis dahin finden Sie beim "Haus Schlesien" einen gewissen Überblick über mögliche Standorte schlesischer evangelischer Kirchenbücher und mehr.

Das Evangelische Zentralarchiv in Berlin (EZB) verfügt auch über schlesische Kirchenbücher. Christa Stache veröffentlichte 1985: "Verzeichnis der Kirchenbücher im Evangelische Zentralarchiv in Berlin. Teil I: Die östlichen Kirchenprovinzen der Evangelischen Kirche." Die Adresse und Informationen zum Evangelischen Zentralarchiv Berlin.
Das EZB soll auch eine Übersicht haben, wo sonst noch Nachkriegsbestände vorhanden sind. Die Telefonnummer für Nachfragen ist: 030-22504537.

Die Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig informiert durch das: "Bestandsverzeichnis der Deutschen Zentralstelle für Genealogie Leipzig Teil I: Die Kirchenbuchunterlagen der östlichen Provinzen Posen, Ost- und Westpreussen, Pommern und Schlesien. . Bearbeitet von Martina Wermes,

Eine weitere gute Möglichkeit gibt die polnische Datenbank SEZAM.
Wenn man hier den Link anklickt, kann man die Kirchspiele von denen man die Kirchenbücher oder Standesamts-Register benötigt, mit ihrem polnischen Namen in eine englisch-sprachige Suchmaske eingeben. Anschließend unten auf "Search" klicken, dann erfährt man, ob sich in den polnischen Staats- und Kirchenarchiven die gesuchten Kirchenbücher oder Personenstandsbücher befinden.
Es bedeuten:
mojzeszowe = Judenregister;
urzad stanu cywilnego = Standesamt;
alegata = Nachweise (Urkunden) zu den Heiraten;
malzenstwa = Heiraten;
urodzenia = Geburten;
zgony = Tote.
Die Datenbank ist leider nicht auf letztem Stand. Einige Ergänzungen bringt - neben anderen - etwa Radoslaw Zan.

In der Schweidnitzer Friedenskirche wurde 2009 ein Archiv mit etwa 8 000 Büchern gefunden, die teils noch aus dem 17. Jahrhundert stammen. Fast alle sind Kirchenbücher. Die Website der Friedenskirche kann auch in deutsch gelesen werden. Eine Auflistung der 8 000 Bücher fehlt leider dort noch, aber es gibt neuerdings einen Link zur Bibliothek !


Konkrete heutige Standorte in Schlesien finden Sie unter Kirchenbücher und Register heute.

Weitere hilfreiche Links zur speziellen Kirchenbuch-Suche

- Der evangelische Kirchenkreisverband Schlesische Oberlausitz hat interessante Daten auch zu Kirchenbüchern in ganz Schlesien. Er gestattet eine "Datenbankabfrage der Kirchenbücher".

- Für den Kreis Lauban finden Sie hier unter "Kreis/Orte", dann Buchstabe "E", Hinweise auf Kirchenbücher. Auch die Angaben zu "Katastern" sind hilfreich!

- Zum Verbleib der Kirchenbücher der sogenannten evangelischen Grenzkirchen um 1650-1741 in der Lausitz ein Link.
Allerdings findet man die dort geschehenen Taufen, Heiraten und Toten wegen des Pfarrzwanges auch in den zuständigen katholischen KB!

- Heutiger Bestand an evangelischen Kirchenbüchern der Gnadenkirche in Landeshut.

- Evangelisches kirchliches KB-Archiv in Waldenburg und seine heutigen Bestände.
Die e-mail-Adresse des Archivs ist 2008:    walbrzych@luteranie.pl

- In Waldenburg verfügt der Berufs-Genealoge Andreas Richter über ein umfangreiches Archiv, auch von Kirchenbüchern.

Online verfügbare Ortsfamilien-Bücher (OFB) evangelischer Gemeinden

Die aktuelle Übersicht über die OFB Schlesiens findet man unter: Register schlesischer OFB bzw. ohne die in Bearbeitung befindlichen OFB unter www.online-ofb.de .



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Letzte Erweiterung am 25. Mai 2013.   ©   Dr. Claus Christoph, Hemmingen